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Grundlagen der Gestalttherapie


Auf dieser Seite finden Sie Einführendes zur Gestalttherapie und dem Gestaltansatz, sowie ein Glossar der wichtigsten Begriffe. Alle gekennzeichneten Begriffe sind im Glossar erläutert.

Den Begriff der Gestalttherapie haben Fritz und Lore Perls gemeinsam mit Paul Goodman geprägt. Er geht zurück auf die Erkenntnisse der Gestaltpsychologie. Weitere Grundlagen sind die Philosophie Martin Bubers, die  Phänomenologie und der  Existenzialismus. Die Human-Potential-Bewegung ist eng mit dem Gestaltansatz verbunden. Im Gestaltansatz spiegeln sich die Leitgedanken der Humanistischen Psychologie.

Viele weitere PsychologInnen, TherapeutInnen, WissenschaftlerInnen, AutorInnen haben den Gestaltansatz bis heute geprägt, weiterentwickelt und für Beratung, Therapie und Pädagogik nutzbar gemacht. Nicht alle können in hier Eingang finden. In den Literaturempfehlungen beziehe ich mich hauptsächlich auf die Werke, die ich für gut zugänglich und verständlich halte.

 

Geschichte:

Während seiner Ausbildung zum Psychoanalytiker stellte Fritz Perls fest, dass im Vorgehen in der Analyse wichtige hilfreiche und heilende Kräfte nicht wirksam werden konnten: die Erforschung der konfliktgestaltenden Kräfte im Hier und Jetzt und die Entfaltung des Kontaktes zwischen Therapeut und Klient.

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung." (Martin Buber)

Fritz Perls lehnte es ab, die Geschichten seiner Klienten aus dem „off“ zu deuten – Freud saß unsichtbar hinter dem Kopfende der Patientencouch  -  und ihre aktuellen Schwierigkeiten als feststehendes Ergebnis einer in der Vergangenheit abgeschlossenen Entwicklung zu interpretieren.

"Es ist, als sei das alltägliche Gewahrsein nur eine unbedeutende Insel, umgeben von einem weiten Meer unvermuteten und unbekannten Bewusstseins." (Ken Wilber)

Er versuchte statt dessen, die inneren und äußeren Ereignisse in ihrer Wirksamkeit auf das Selbst in den Scheinwerferkegel des Bewusstseins zu rücken. Die wichtigste „Methode“ sah er darin, die Wahrnehmung zu verstärken für Gefühle, Gedanken, körperliche Empfindungen, Handlungsimpulse und Phantasien. Die Verbesserung des Gewahrseins (Awareness) macht es möglich, das Zusammenspiel der inneren Kräfte, den Chor der Gedanken, Gefühle und Handlungsimpulse zu verstehen.

Perls nahm darüber hinaus an, dass nicht der Therapeut mit Interpretation, Rat und seinem Fachwissen die Heilung herbeiführen kann, sondern dass jeder Mensch die für ihn selbst angemessene Lösung für seine Probleme schon in sich trägt.


Was ist also das Hilfreiche am Gestaltansatz?

Die Forschung hat später diese Annahme der „organismischen Selbstregulation“ bestätigt. Die systemische Sichtweise geht davon aus, dass Menschen nicht von außen zu steuern sind, sondern dass Veränderungsimpulse von außen in einer jeweils ganz eigenen, von inneren Faktoren abhängenden Weise verarbeitet werden (Varela und Maturana). Für eine funktionierende Selbstregulierung ist jedoch der Kontakt und der Austausch mit der Umwelt unabdingbar erforderlich.

"Das Reale ist nur eine Realisierung des Möglichen." (Ron Kurtz)

Die Aufgabe des Beraters oder Therapeuten ist es demnach, beim Aufdecken der Möglichkeiten und Auffinden der eigenen schöpferischen Kräfte zu helfen. Therapeut, bzw. Berater und Klient begegnen sich auf gleicher Augenhöhe. Der Therapeut oder Berater stellt sich mit seinen Resonanzen als Dialogpartner zur Verfügung. Denn das „Ich“ wird tiefgreifend von der Beziehung, die es zu einem „Du“ gestaltet, beeinflusst.

Für den Gestaltansatz in Beratung, Therapie und  Soziotherapie ist das von großer Bedeutung. Nicht Defizite werden „behandelt“, ausgefüllt wie ein Loch im Zahn mit Amalgam. Es geht vielmehr darum anzusehen, was da ist, dem Vorhandenen zum Wachstum zu verhelfen. Das Vorgehen orientiert sich also an den Ressourcen oder einfach ausgedrückt:  Wir gucken auf den Käse und nicht auf die Löcher. (Ein toller Fortschritt wäre es auch in der Zahnheilkunde, wenn man die Zahnsubstanz zum Wachsen bringen könnte, statt Löcher mit Ersatzmaterial zu füllen…)

Besonders erwähnen möchte ich noch die „Theorie der paradoxen Veränderung“, die Arnold R. Beisser, ein amerikanischer Psychiater mit einer sehr besonderen Lebensgeschichte (s. u.) formuliert hat. Sie lässt sich zu einem Satz verdichten:

„Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.“ (Arnold R. Beisser)

Beisser  postulierte, dass Veränderung nur möglich ist, wenn wir uns zunächst einmal voll einlassen auf das gegenwärtige Sein. Wir können nichts überspringen in unserem Leben, das sich uns als wichtige Entwicklungsaufgabe in den Weg stellt. Er wusste, wovon er sprach. In seinem 25. Lebensjahr wurde seine Karriere als Tennisprofi und Arzt durch schwerste Polio-Lähmungen unterbrochen. Beisser lebte 1 1/2 Jahre in einer eisernen Lunge und war für die weiteren 41 Jahre seines Lebens fast vollständig gelähmt.

Glossar der Begriffe und Namen


Awareness

Bewusstheit, Gewahrsein

 

Beratung

Der Begriff Beratung umfasst eine Vielzahl von Konzepten, Anwendungsfeldern, Themen und Fachgebieten. Eine einheitliche Definition des Beratungsbegriffes existiert nicht, aber es gibt einige Kriterien, die zur Abgrenzung von Beratung und Therapie hilfreich erscheinen. Beratung ist ein mehr themen- und alltagsbezogener Prozess. Das Erarbeiten lösungsorientierter Strategien und konkreter Handlungsschritte steht im Vordergrund. Aus dem Gestaltansatz sind eigenständige Beratungskonzepte hervorgegangen, die auf  Wachstum und die Entfaltung der Persönlichkeit ausgerichtet sind. (Reinhard Fuhr/Martina Gremmler-Fuhr: „Dialogische Beratung“; Dorothea Rahm:“Gestaltberatung“)

 

Dialogische Beratung und Therapie

Der Gestaltansatz richtet den Fokus auf die Beziehung, den Kontakt zwischen verschiedenen Personen oder widerstreitenden innerseelischen Auffassungen, Überzeugungen und Impulsen einer einzelnen Person. Damit unterscheidet er sich von der „archäologischen“ Vorgehensweise in der klassischen Psychoanalyse, die Erfahrungen aus der Vergangenheit „ausgräbt“ und deutet und bewertet. 


Existenzialismus

Eine auf Jaspers, Heidegger, Sartre und Kierkegaard zurückgehende Lebensphilosophie, die die Einzigartigkeit jedes Menschen hervorhebt. Zum Eigentlichen des Menschseins gehört die Erfahrung von Freiheit, Isolation, Verantwortung, Sinn(losigkeit) und Tod. Die Auseinandersetzung mit den sich aus diesen Themen ergebenden Fragen gehört zu den existenziellen Aufgaben des Menschen.

 

Gestaltpsychologie

Es geht um die Ganzheitlichkeit der Wahrnehmung. In den 1920-er Jahren fanden Psychologen heraus, dass die Wahrnehmung von Figur und Hintergrund, der Geschlossenheit, Ähnlichkeit, Nähe, Einfachheit, Ganzheit und Einprägsamkeit von Figuren bestimmten Gesetzen unterliegt. Auf der Seite www.kommdesign.de   werden unter dem Button „Texte“ die Gestaltgesetze sehr einprägsam dargestellt.


Hier-und-Jetzt-Prinzip

Die Bedeutung vergangener oder zukünftiger Ereignisse reduziert sich auf das, was für die gegenwärtige Befindlichkeit auf emotionaler, kognitiver und leiblicher Ebene bedeutsam ist.

 

Hamburger Institut für Gestaltorientierte Weiterbildung

 

Human-Potential-Bewegung/ Humanistische Psychologie

Auf die Ziele Selbstverwirklichung, Wachstum, Beziehungsfähigkeit, Ganzheitlichkeit und Wahrhaftigkeit ausgerichteter Zweig der Psychologie. Der Mensch wird als ein mit Entwicklungspotenzialen ausgestattetes Wesen gesehen. Eine Gegenbewegung zur naturwissenschaftlich orientierten akademischen Psychologie, die häufig die Defizite und die Funktionalität des Menschen beschreibt.

 

Klient und Therapeut

Ich habe mich für die männliche Form entschieden, da die sonst von mir bevorzugten Formen „KlientIn“ und „TherapeutIn“ mir im Text zu sperrig erschienen.

 

Kontakt

Zentraler Begriff des Gestaltansatzses. Aus der Beschreibung des Kontaktprozesses als zyklischen Vorgang mit determinierten Phasen entwickelte Perls ein völlig neues und eigenständiges Modell der Psychodynamik und ihrer Störungen.

 

Martin Buber

Jüdischer Philosoph, Religionswissenschaftler und Soziologe (geb. Wien 1878, gest.  Jerusalem 1965), der die Beziehung, den Dialog als Grundprinzip  menschlicher Existenz ansah. („Der Mensch wird am Du zum Ich.“)

 

Organismische Selbstregulation

Bahnbrechendes Konzept für das Verständnis von Wachstumsprozessen einzelner Personen, Organisationen und Gemeinschaften, übertragen aus der Beobachtung physiologischer Prozesse: Systeme (Organismen, Personen, Gemeinschaften, Organisationen) entwickeln sich am erfolgreichsten, wenn sie ihre Bedürfnisse selbst regulieren können und planende, kontrollierende oder behindernde Eingriffe von außen unterbleiben.

 

Phänomenologie

Philosophische Methode, die den Erkenntnisgewinn aus den Wesenserscheinungen der Dinge zieht, sich mit dem direkt Beobachtbaren beschäftigt.

 

Resonanz

Die Fähigkeit des Mitschwingens mit dem Gegenüber, das Erkennen der eigenen Empfindungen, die ein Gegenüber auslöst.

 

Ressourcen

Alle Stärken und Kraftquellen, die zur Bewältigung eines Problems oder einer Anforderungssituation beitragen. 

 

Selbst

„Das Selbst ist Grundlage und Gesamtbereich der Persönlichkeit(…). Das Selbst umfasst Physisches und Psychisches, es ist daher mit Begriffen unserer Alltagsprache, die beide Bereiche trennt schwer zu fassen.“ (Dorothea Rahm u. a., Einführung in die Integrative Therapie)

 

Soziotherapie

An den Übergängen von einer psychotherapeutischen Behandlung in eine Lebensphase ohne diese Form der regelmäßigen Betreuung wird oftmals eine unterstützende, begleitende Hilfestellung nötig, um Stabilität auch in den Herausforderungen des Alltags zu gewährleisten. Soziotherapie leistet diese überbrückende Hilfestellung.

 

Therapie

befasst sich mit tiefgreifenden Schichten des Erlebens und der innerseelischen Dynamik